Der Artikel des Monats |
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Bloggerszene: |
Anonym bleiben ist erstes Gebot |
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Die Geschichte des persönlichen Tagebuches im Internet ist so dick wie die gesammelten Werke der Gebrüder Grimm: Aber wie bei den Märchenerzählern findet sich auch hier eine mögliche Erklärung, wie das erste Weblog „auf die Welt“ gekommen sein könnte. Bestätigt wird die Saga immer wieder durch alle möglichen Einträge in Enzyklopädien – so soll ein US-Soldat an der Front in Nahost sein persönliches Tagebuch im Internet veröffentlicht haben und daraus wurde dann das Web-Log – das Internet-Tagebuch. |
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Peter Doeberl
Lassen wir die Sagen um das Entstehen der Bloggomania, oder wie das Phänomen auch immer bezeichnet werden kann (Blogosphere, Blogeria) einfach einmal links liegen und bemühen uns, einen kleinen Einblick in die heutige Bloggerszene zu gewähren. Dabei fiel dem Autor auf, der sich in verschiedenen „Communities“ tummelt, dass die meisten BloggerInnen lieber anonym bleiben möchten. Von rund 20 angeschriebenen Weblog-Treibenden waren gerade einmal vier bereit, sich öffentlich zu outen. Dieses Phänomen kennen auch andere Journalisten – Blogger stellen ihre Gedankengänge, Überzeugungen, Ideologien, ihre privaten Sorgen und ihre Freuden zwar gerne ins Netz – aber meist immer mit irgendwelchen Pseudonamen. Hinter diesen „Pseudos“ verstecken sich dann oft Journalisten, Grafiker, Texter, aber auch Kaufleute, Hausfrauen, Designer. Grosse Namen aus der Promiszene bloggen heimlich nach Mitternacht, andere vom Arbeitsplatz her, wenn der Chef nicht gerade auf den Monitor schaut. Dritte wiederum sitzen nächtelang online vor dem Monitor und „zappen“ sich von Blog zu Blog – und hinterlassen mal hier, mal dort einen Kommentar. Derzeit werden etwa 15 Millionen Blogs in der Welt gezählt, Tendenz extrem steigend.
Anonymität und Freundschaften
So anonym sich die meisten Blogbetreiber auch geben mögen, unter einander herrscht eitel Freundschaft: Es gibt regelmässige Bloggertreffen, es gibt persönlichen Email-Austausch, in dem dann nicht mehr mit den Nicknamen tituliert und unterschrieben wird, da sind dann die Vornamen angesagt, und diese Mails gründen meist tiefer als die Blog-Einträge. Aus den Bloggertreffen machen manche Zeitungen regelrechte „Events“, auch wenn da nur zehn, zwölf oder zwanzig Leute am Tisch sitzen. Die SVP könnte manchmal neidisch sein – ihren Generalversammlungen werden selten eine Seite oder eine Doppelseite im Tabaloid-Format gewidmet – für die Schweizer Medien sind Blogger derzeit noch die idealen „News-Stories“. So wird dann die Anonymität aufgehoben und je nach Zusammentreffen der Blogger kann es ein Fest, ein Dinner, beides, oder auch nur ein Gelage geben – aber mensch sieht sich und weiss plötzlich, wer wie aussieht und kann sich vorstellen, wer da blogt. Der Autor hat selbst durch seine beiden Blogs neue Freunde gefunden – fast undenkbar im virtuellen Raum. Aber da kommen Rezepte gegen Heuschnupfen, da kommt ein PDF, das ein ganzes Bärlauchbuch enthält, da kommen Bilder von der andalusischen Küste, Songs direkt aus San Francisco, live aufgenommen an einem Konzert, Kinotipps aus Winterthur, lehrreiche Anregungen, warum Firefox der bessere Browser als der Internet Explorer (IE) sei aus deutschen Landen (danke Lazerte) Und manchmal Menüvorschläge samt Bild aus Basel oder der Slowakei, wahre Kochkünstler und Kochkünstlerinnen. Nach kochen lohnt sich alle Mal.
Kritiker mögen sagen: Kinderspielerei, das haben wir früher mit unseren Brieffreundschaften auch gemacht. Nur: Das war nie live, das war nur eins zu eins (es sei, die Eltern haben in die Briefe rein geguckt) – und jetzt ist das für jedermann öffentlich geworden. Zuerst mal auf privater Ebene. Aber es gibt ja auch Business-Blogs – und die sind meist aktueller als jede noch so schnell mit einem CMS (Content Management System) upgedatete Website. Da gibt es Blogs von Journalisten, die, frustriert ob ihrem Job, halt ihre Meldungen unzensiert in ihrem Blog absetzen, statt aus 2500 Zeichen gerade mal 300 im Blatt zu sehen. Da gibt es Einzelkämpfer, Grafiker, Texter, Störenhandwerker, die sich in ihrem Blog die Luft verschaffen, die ihnen im Alltag zum Leben fehlt. Da gibt es auch Leute, die sich frei schreiben wollen und das der Öffentlichkeit mitteilen wollen – zum Teil sind es banale Sachen, zum Teil intime, zum Teil aber auch Nachrichten aus aller Welt, die da zusammengetragen werden in einem globalen Netzwerk.
Es braucht Zeit…
Ein Blog zu eröffnen ist meist gratis, einschlägige Angebote gibt es im Internet en masse. Ein Blog zu pflegen ist schon komplizierter, denn: Wer Leser hat, muss diese füttern. Das ist wie bei einer Tageszeitung – News müssen her, egal aus welchem Bereich. Das hat nichts, oder nur sehr wenig, mit Sex and Crime zu tun, die News stammen auch und vor allem aus dem privaten Bereich, von Lastwagen, die eine Bloggerin jeden Morgen aus dem Schlaf reisen, vom überraschenden Frühlings-Schnee morgens in Basel, von neuen Bauruinen in Winterthur, vom falschen Farbandruck bei der neuen Offsetdruckerei. News von den Demos in Bern. Nahezu live dank WLAN. Die Freude über die Geburt eines prächtigen Babys, global geteilt und mit hunderten Kommentaren versehen. Aber das braucht alles seine Zeit. Und es gibt schon Oldie-Blogger, die sich ernsthaft überlegen, ob sie nicht Kurse geben sollen, wie Blogs geführt werden sollen….
Die Merkmale eines Blogs
Es gibt keine Bloggervereine mit Statuten und Regeln, Paragrafen und Sitzordnungen. Es gibt keine Statuten, aber es gibt ungeschriebene Regeln.
- Ein Blog lebt von den Kommentaren seiner Besucher. Wer seine Ideen, Visionen, Gespinste, Beichten, Bekenntnisse in seinem Blog hinterlässt, möchte ein Echo. Ein Blog ohne „Comments“ ist wie ein verschlossenes, eingesperrtes und absolut privates Tagebuch.
- Ein Blog ist ähnlich aufgebaut wie eine übersichtliche Zeitung mit ihren Rubriken oder wie eine sinnvolle Menüführung (wie etwa beim Mac OS X). Meist wird das unter „Topics“ abgelegt, diese Standardbegriffe lassen sich natürlich auch ändern.
- Kommentare beziehen sich immer auf den Haupteintrag oder auf einen Kommentar oder dessen Unterkommentare. Wobei jederzeit auch zu älteren Einträgen oder Kommentaren neu kommentiert werden darf. So hatten diverse italienische Blogs bereits Fotos und Berichte zum Tod des Papstes online, bevor die TV-Anstalten darüber berichten konnten. Und manche Journalisten-Blogger waren so auf der ganzen Welt orientiert, bevor die News-Schreiber überhaupt wussten, welches Glöcklein geschlagen hatte.
- Ein Blog ordnet sich, standardmässig, immer von „neu“ nach „alt“. Auf der Frontpage stehen immer die neuesten Haupteinträge, der jüngste zu oberst. Zu jedem Haupteintrag hat es dann (vielleicht) auch eine Menge, wenige oder gar keinen „Comment“.
- Die allermeisten Blogs haben eine eigene integrierte Suchmaschine, die nur in den Blog-Beiträgen und den Kommentare sucht. Die Stichwortsuche ist verblüffend genau.
- Blogger verlinken! Entweder auf andere Blog- oder Websites, auf Printmedien, auf Kinoprogramme. Hier passieren manchmal die Dinge, die zum Schmunzeln anregen: Da verlinkt ein guter Bekannter des Autors, auch ein Blogger, auf einen durchaus sehenswerten Film. Und dann linkt er auf ein Kino. Nur: Er hat das falsche Kino verlinkt und prompt erfährt der arme Kollege am Morgen darauf, dass der Film, zwar gut gewesen sei, aber der Umweg von einem Stadtquartier ins andere sei dann doch ein sehr langer gewesen …
- Bloggerehre: Frei zu definieren. Obszönitäten sind selten gerne gelesen, dafür gibt es spezielle Foren. Akzeptieren, dass jeder Leser eine völlig andere Meinung vertreten kann und auch äussern will
- Die „Blogroll“ oder die „Links“ gehören auch in jeden Blog: Darin sind Hyperlinks auf andere Blogs oder interessante Seiten (Zeitungen, Behörden) abgelegt, die mittels Mausklick direkt auf die entsprechenden Seiten verlinken.
So gesehen sind Blogs weit mehr als Internet-Tagebücher (WEB-LOGS). Versuche, der ungezügelten „Blogosphere“ beizukommen, haben bereits mehrere Autoren, selbsternannte Blogpäpste, mittels Büchern unternommen. Nur werden diese Bücher nicht gelesen, ebenso wie Anleitungen zur Führungen eines Tagebuches für werdende Mütter.
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Bloggermeinungen
Wir befragten einige Blogger, die immer wieder mal mit dem Autoren Meinungen austauschen. Sehr viele hatten allerdings trotz der Anonymität Angst: Man könnte es in der Firma merken, die Ehefrau soll nicht auf den Blog gestossen werden, die Kollegen auf der Redaktion würden sonst etwas ahnen. Durchaus verständlich – manche Blogs offenbaren wirklich Unzufriedenheit mit dem Job, Lust auf Neues, Sehnsucht nach Herausforderungen beruflicher oder privater Natur.
So fragten wir etwa, ob Bloggen „süchtig“ machen könne. Und erstaunlich waren die Antworten:
Zorra (Südspanien), schrieb dazu: „Ja, auf jeden Fall. Aber das weißt Du ja selbst.“ Und Nestor aus Wien meinte schlicht: „Ich blogge, wenn ich Lust habe.“ Biggi aus Nordrheinwestfalen schreibt zur Frage: „Nein. Ich kann es auch gut lassen. Ich blogge wirklich nur dann, wenn mir danach ist. Das ist mal öfter, mal weniger oft.“
Interessant waren auch die Antworten auf unsere Frage: „Warum Blogst Du überhaupt?“ Da sagte etwa SML: „Weil ich mich mit diesem Medium, das in der Finanzbranche noch recht unbekannt ist, selbst bekannter machen will. Es ist billiger als Werbung in einer Zeitung und vermutlich wird es mit einem Blog einfacher sein, potenzielle Kunden anzusprechen. Ein Inserat ist eine Momentaufnahme, ein Blog, wenn er aktiv unterhalten wird, schon fast ein Striptease der Seele. Ein möglicher Interessent merkt, ob er sich angesprochen fühlt. Und ich kann Wissen und gleichzeitig auch Phantasie vermitteln.
Biggi meinte dazu: „Warum nicht?“. Dann erklärt sie, dass sie bei Netzwerkkollegen und Kolleginnen immer mal wieder in deren Blogs gelesen habe. Und dann selbst Lust bekam, einen Blog zu eröffnen. Inzwischen hat sie ihr „TXT-Guckloch“ auch noch mit einem „Job-Blog“ erweitert.
Nestor meint zur gleichen Frage, dass es rein private Gründe aufgrund einer gescheiterten Ehe waren, die ihn zum Bloggen brachten. Und er schreibt: „Ich bemerkte schnell, dass BloggerInnen an meinen Schriftstücken Anteil nahmen.“
Sandro schreibt mir zum gleichen Thema: „Ich blogge, weil ich meine Meinung sagen will. Und weil ich diese Meinung nicht vom Goodwill eines Leserbriefredaktors abhängig machen möchte, teile ich meine Meinung in meinem Weblog einem interessierten Publikum mit.
Und Zorra, die Bloggerqueen, schreibt: „Weil ich neugierig bin und weil es mir Spass macht. In Blogs erfährt man viel über Menschen. Wie im richtigen Leben. Es gibt auch Psychos, das ist auch ein Grund, weshalb ich hier anonym blogge.“
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Kommentar
DOE. Eine Zeitung nennt Blogger Narzisten. Eine andere spricht von Web-Anarchisten. Eine dritte nennt sie „verhinderte Querdenker“. Mag alles stimmen. Mag alles sein. Aber die befragten Blogger sehen das alles doch ein bisschen anders. Da wird durchaus eine gewisse „Blogsucht“ eingestanden. Da werden aber auch ganz unterschiedliche Einblicke in die Erwartungen an ein Blog gestellt. Hier wird gehofft, dass der Blog neue Aufträge, finanziellen Nutzen bringen kann. Dort wird versucht, auf die eigenen Anliegen, Sorgen, Freuden aufmerksam zu machen. Und anderswo geht es um technische Fragen, etwa wie der IE entfernt werden kann, um einen anderen Webbrowser zu installieren. Es gibt Blogs, die sich nur um die Bugs bei Microsofts XP kümmern und immer neue Tricks bringen, die manche Probleme mit Windows umschiffen helfen. Es gibt Blogs, die wunderbare Fotos zeigen, dazu herrliche Texte haben. Es gibt Blogs, die über Finanzmärkte schreiben. Solche, die sich zu Pharmaerzeugnissen (Thema Vioxx) äussern. Und es gibt die ganz privaten Blogs. Mir sind das die liebsten.
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Die Adressen der hier aufgeführten Blogger, eine Liste der Anbieter, die kostenlose Blogs (mit oder ohne Werbung) zur Verfügung halten, sowie einige Ratschläge zum Bloggen im Allgemeinen können unter bezogen werden. Kostenpunkt: CHF 20.— |
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